Kapitel 5, Anna in Jergan
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Der taube Schmerz ließ den Mann, der von seinen Fahrten auf der Blutigen See seelisch so schwer gezeichnet war, dass seine einzige Flucht der Suff war, um die Alpträume abzuschütteln, die ihn Tag und Nacht jagten, noch einige Meter die Gasse entlang kriechen, bis er unfähig für auch nur eine weitere Bewegung an einer Hauswand zusammen gekauert liegen blieb. Doch gerade als wohltuende Bewusstlosigkeit seinen Geist umfangen wollte, wurde der kümmerliche Rest von dem, was früher ein wagemutiger Seefahrer gewesen war, wieder in das Hier und Jetzt zurückgerissen, als zwei lederne Stiefel neben seinem Kopf vorbeieilten. Als die Schritte verklungen waren, drang die angenehme Stimme einer Frau durch die Nacht an sein Ohr und wurde erwiedert von einer tiefen, rauchigen Stimme eines Mannes. Erst wollten die Worte der beiden für ihn keinen Sinn ergeben, doch als sich sein benebelter Restverstand darauf konzentrierte, die Zusammenhänge zu verstehen, da ergaben sie zunächst langsam, bald auch vollständig einen Sinn. Die tiefere, männliche Stimme setzte zu einer Erklärung an: „Nun, die „Faust von Maraskan“ ist vorgestern in den Jerganer Kriegshafen eingelaufen. Sie hatte ganz schön was abbekommen, mehrere direkte Treffer und gehörig Schlagseite. Die Besatzung sah recht mitgenommen aus, aber dafür waren die Lagerräume voll mit Waren und Gold. Tja, scheint so, als ob sich mit vollem Bauch schlecht kämpfen lässt, da gleichen sich wohl Schiff wie Mensch. Und was den Magier betrifft, so weiß ich nichts. Auf jeden Fall sind keine Sklaven von Bord gekommen. Aber warum wollt Ihr das eigentlich alles wissen? Euch kann doch egal sein, was die „Faust“ erbeutet hat? Oder Ihr seid eine…“ Die Frauenstimme fiel im spitz ins Wort: „Drei Dukaten.“ „Oh ja soviel sollte Dir mein Wissen wert sein, aber ich bin auch anders zufrieden zu stellen, Püppchen.“, antwortete der Mann mit unverhohlener Begierde in der Stimme. „Hier, nimm und halt dein Maul.“, wies ihn jedoch die weibliche Person kühl zurecht. Als leise klimpernde Münzen den Besitzer wechselten, öffneten sich die schweren Lieder jenes Häufchen Elends, das vom Boden der Gasse zu den beiden Stimmen und deren Körpern aufschaute. Mit trüben Blick sah er, wie der Kerl sich straffte, doch einen Wimpernschlag später prallte die Faust der Frau mit Wucht auf die Brust des Mannes. Ein Laut wollte seiner Kehle noch entrinnen, als ein weiterer Schlag mit der linken Faust seinen Hals traf und jegliches Wort bis zur Unkenntlichkeit dämpfte. Diesmal erkannte der Säufer, dass sich in beiden Händen Dolche befanden. Die Arme des Mannes schlugen noch einmal blind um sich, rissen seinen Geldbeutel vom Gürtel und erlahmten, als er leblos in sich zusammensackte. Der trübe Schatten der Frau wurde noch einmal vom Madamal in die Gosse hinab geworfen, als sie hinter der nächsten Ecke verschwand. Von seiner Neugier getrieben, kroch der heruntergekommene Säufer heran, stinkender Atem drang aus seiner Kehle, Staßendreck zierte seine aufgeschlagenen Knie und seine Augen blickten gleichgültig auf die sich ausbreitende Blutlache unter dem Opfer. Seine Hand griff zitternd in den Lebensaft, tastete unbeholfen herum bis sie schließlich das fand, wonach sie gesucht hatte. Mit einem leisen Keuchen und Kichern hielt der Säufer drei blutig triefende Goldstücke in seiner Hand. Glucksend sprach er zu sich selbst: „Siehe Jergan, das bist du: Blutiges Gold.“ Eine kleine, rotgetigerte Katze musterte den Betrunkenen aufmerksam mit zur Seite gelegtem Kopf. Dann machte sie sich davon und folgte ihrer Herrin in die Dunkelheit der Nacht.